5. Januar 2023

Zu viel Kuddelmuddel

Zum Schluss, nach 40-minütigem Fight auf dem Parkett, herrschte auf den Rängen vorwiegend Fassungslosigkeit, Beklemmung und Schweigen. Denn die MLP Academics Heidelberg hatten am späten Mittwochabend in einem intensiven Spiel gegen die Veolia Towers Hamburg mit 83:87 (25:28, 19:16, 25:27, 14:16) knapp den Kürzeren gezogen und somit die vierte Niederlage in Folge kassiert, die den Blick aufs Tableau der easyCredit Basketball Bundesliga kritischer ausfallen lässt. Heidelberg ist inzwischen in der gefährlichen Zone auf Rang 15 abgerutscht und braucht in den nächsten Partien bei den HARKO Merlins Crailsheim, zu Hause gegen medi Bayreuth und den Würzburgs Baskets sowie bei den FRAPORT Skyliners Frankfurt dringend Erfolgserlebnisse. Im Duell mit den Towers blieb den Academics ein solches vor 2.959 Zuschauern im SNP dome leider versagt. Hauptgründe: Zu viel Kuddelmuddel, eine zu schlechte Trefferquote und eine gerade in der Endphase offenbarte Freiwurfschwäche.

In der Summe sollte dies gegen zuweilen schwächelnde, aber in einigen Schlüsselszenen abgezockter wirkende Norddeutsche entscheidend sein. Wie es zwischen den Körben Hochs und Tiefs in stetem Wechsel auf beiden Seiten gab, zeigt allein schon der Spielfilm: Elf Führungswechsel und neun Gleichstände sprechen für sich!

Van der Zweep und Benavente übernehmen sachlich und ruhig

Hylke van der Zweep stand für Iisalo in der Coachingzone. Foto: cheesy.photo

Iisalos sehr früher Spielausschluss wirkte vorübergehend wie ein Schock. Doch jetzt kommen wir zu reichlich Positivem: Die beiden Assistantcoaches Hylke van der Zweep (42 Jahre) und Serena Benavente (37) übernahmen den Job mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit. Ihre Sachlichkeit und Ruhe strahlte Sicherheit aus und dadurch erholten sich die MLP Academics relativ flott in einer für sie delikaten Situation. Der Niederländer Hylke van der Zweep sprach hinterher von einer „harten Niederlage“ und traf damit den Nagel auf den Kopf.

Die Achterbahnfahrt der Gefühle setzte sich strenggenommen über die ganze Partie fort. Auf tolle Aktionen folgten wilde Szenen – hüben wie drüben. Symptomatisch war ein Kuriosum in der 15. Minute, als Eric Washington den Ball erst akrobatisch und auf dem Boden liegend an der Mittellinie rettete und dann warf, den Rebound ergatterte und erneut sehr schnell abschloss. Es war mitunter des Guten zu viel – und bedauerlicherweise befindet sich Heidelbergs Publikumsliebling und Leader in einem kleinen Leistungsloch, was angesichts der großen Verantwortung des Playmakers, die auf seinen Schultern lastet, nicht weiter verwunderlich ist. Die Türme aus Hamburg machten es sehr geschickt, übten viel Druck auf den Unterschiedsspieler der Heidelberger aus und zwangen Wirbelwind Washington eben auch zu hektischen, überhasteten Würfen.

Nur 16 Prozent: Der Unterschied an der Dreierlinie

Wodurch erklärbar wird, warum es für Kapitän Akeem Vargas und Co. nicht ganz reichte. Die Bilanz von 5/32 Dreiern, eine Trefferquote von 16 Prozent (!) also, macht einen Sieg nahezu unmöglich, zumal den Towers in dieser Kategorie (12/28, 43 Prozent) sieben Dreier und somit 21 Zähler mehr gelangen. Hier stach Nationalspieler Lukas Meisner, der Topscorer dieses Spiels, deutlich heraus. Meisner, Clark II und Woodard standen bei ihren Versuchen allerdings auch mutterseelenallein hinter der Dreierlinie, das bekamen die Gastgeber fatalerweise nicht verteidigt.

Erschwerend kam das Nervenflattern bei den Freiwürfen hinzu: Neun vergebene davon (20/29) sind in einem engen Match ein weiterer mitentscheidender Malus. Zur vollständigen Analyse des Heimspiels gehört ebenfalls, dass ansonsten alle anderen Werte auf dem Scoutingbogen top sind. Bestechend insbesondere das Reboundverhältnis: Die Academics krallten sich 43 Bälle (davon allein 18 in der Offensive), Hamburg schnitt hier deutlich schlechter ab (9 offensiv, 23 defensiv).

Hinterher aufmunternde Worte in der Kabine

Die Academics kämpften das ganze Spiel. Foto: cheesy.photo

Dabei wollten die Heidelberger unbedingt Tim Coleman ein Geschenk machen. Der immer auffälliger werdende Amerikaner feierte am Mittwoch nämlich seinen 28. Geburtstag – und hatte sich den Ausklang des Abends sicherlich anders vorgestellt. Umso besser, dass gerade Coleman und Hylke van der Zweep in der Kabine aufmunternde Worte zu einem niedergeschlagenen Team fanden. Sie betonten beide die positiven Elemente in diesem Spiel – die Energie, den Kampfgeist, den Willen beim Rebound.

Alles Jammern und Wehklagen hilft ja auch nichts. Die Mannschaft befindet sich in einer kritischen Phase und kann sich nur selbst mit Topleistungen daraus befreien. Am Samstag (20.30 Uhr) geht es zu den HARKO Merlins Crailsheim. Die „Zauberer“ haben sich mit einem 101:91 bei den Basketball Löwen Braunschweig wichtige Punkte geschnappt. Heißt: 14. gegen 15. in der Arena der baden-württembergischen Kleinstadt Ilshofen – ein messerscharfes Duell ist vorprogrammiert.

 

 

Stimmen zum Spiel:

„Glückwunsch an Raoul Korner und die Towers. Harte Niederlage, sehr schade. Wir waren die ganze Zeit im Spiel und haben knapp verloren. Wir haben hart gekämpft und konnten 18 Offensivrebounds holen, das ist sehr gut für uns. Die Energie hat also für uns gesprochen. Es würde helfen, wenn wir mehr Dreier treffen würden. Mit 16 Prozent Dreierquote ist es schwierig, so ein Spiel zu gewinnen. In der Defensive haben wir Schwierigkeiten gehabt, die Dreier der Hamburger aus dem Spiel zu nehmen.“ – Hylke van der Zweep, Co-Trainer der MLP Academics

„Es war eine sehr umkämpfte Partie, das sieht man an den Viertelständen. Ich fand, dass man es uns angesehen hat, dass wir es mit sehr viel Macht wollten und dabei ein wenig ‚overpaced‘ haben. Defensiv hat sich das in Fouls ausgedrückt – wir haben zu früh versucht, den Ball zu stealen oder zu doppeln. Das war ein bisschen kopflos. Wir haben zu viele Offensivrebounds zugelassen. Ähnlich auch in der Offensive, die 12 Ballverluste zur Halbzeit sind ein Ausdruck dafür. Wir wollten schnell spielen, aber wir haben nicht die Mittel gefunden und uns selbst das Leben ein bisschen schwer gemacht. Letztendlich haben wir aber einen Weg gefunden, das Spiel zu gewinnen.“ – Raoul Korner, Trainer der Veolia Towers

„Ein sehr umkämpftes Spiel. Über weite Strecken haben wir viel richtig gemacht. Was uns leider am Ende den Sieg gekostet hat, war die Tatsache, dass wir Meisner und Clark zu viele Dreier gegeben haben. Gerade im letzten Viertel. Positiv muss man sehen, dass wir wieder ein Spiel in der Hand hatten. Wir haben es leider nicht geschafft zu gewinnen.“ – Akeem Vargas, Kapitän der MLP Academics

„Es war ein hartes Spiel, wir haben viele dieser knappen Spiele, und wir sind so nah dran, wir müssen nur herausfinden, wie wir diese Führungen halten und die Fehler am Ende begrenzen können. Wir spielen und arbeiten wirklich hart und die Ergebnisse werden sich bald zeigen, wir müssen nur zusammenbleiben und weiter nach vorne gehen.“ – De’Jon Davis

„Es ist schade, dass wir verloren haben, weil wir 40 Minuten lang gekämpft haben. Wir hatten viel mehr Energie als im letzten Spiel gegen Bamberg, wir haben das Spiel mit Details im Rebounding verloren. Aber wir müssen den Fokus schnell für das nächste Spiel am Samstag ändern.“ – Vincent Kesteloot

 

Für die MLP Academics Heidelberg spielten: Tim Coleman 15 Punkte (1 Dreier), De’Jon Davis 14 (1), Max Ugrai 12, Eric Washington 12, Vincent Kesteloot 10, Akeem Vargas 6 (2), Lukas Herzog 6, Elias Lasisi 5 (1), Shy Ely 3, Felix Edwardsson.

Veolia Towers Hamburg: Lukas Meisner 20 (5), Kendale McCullum 15, Marvin Clark II 12 (2), Seth Hinrichs 12 (1), James Woodard 11 (2), Ziga Samar 7 (1), Jonas Wohlfahrt-Bottermann 7, Len Schoormann 3 (1), Christoph Philipps, Al-Fayed Alegbe (DNP).

 

 

Text: Joachim „Jogi“ Klaehn

MLP Academics Heidelberg

Kommunikation und Medien

Zuschauer:innen: 2959
MLP Academics Heidelberg – Basketball mit Zukunft